Bleib gelassen, wenn dein Kind enttäuscht ist

 

Bleib gelassen, wenn dein Kind enttäuscht ist!

Mein Sohn war schon von Beginn an einer kleiner Ehrgeizling. Sein Kopf war meistens weiter voraus, als seine Muskulatur. So ist hatte er seinen ersten Wutanfall schon im Alter von wenigen Monaten. Er war ganz einfach enttäuscht, dass es ihm in der Bauchlage nicht gelang den schönen, roten Ball zu erreichen.

Ich sah ihn an und wusste genau: Er will den Ball. Es klingt jetzt vielleicht übertrieben, aber am liebsten hätte ich mitgeheult. Ich sah, wie er sich abmühte, wie er immer und immer wieder versuchte den Ball zu erwischen und wie ihm vor lauter Frust die Tränen herunterrannen. Ich brauchte damals relativ lange, um ihn zu beruhigen.

Gleich vorweg: Es hätte nichts genützt, wenn ich ihn den Ball gegeben hätte. Er wollte es einfach selbst machen. Kinder lernen durch Versuch und Irrtum. Wer hier eingreift, hindert das Kind an seinen Erfahrungen.

„Wissensdurst wird durch diese Art der Klugscheißerei verdorben“, formulierte es der Neurobiologe Prof. Gerald Hüther drastisch in einem Vortrag.

Kinder müssen den Umgang mit Frustration und Enttäuschung lernen

Für Kinder ist es nicht leicht, zu verstehen, dass nicht alles so geht, wie sie es sich vorstellen. Sie müssen erst lernen, mit Enttäuschung umzugehen.

Gerade wenn Eltern ihre kleinen Kinder vor Verzweiflung und Frust weinen sehen, dann sind sie geneigt, ihrem Kind die Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Wenn es dir auch so geht, dann sage ich jetzt: „Tu das nicht!“

Enttäuschungen sind wichtig für das Kind. Es lernt mit Misserfolgen umzugehen und entwickelt eine gute Fehlertoleranz. Das ermöglicht es dem Kind zu lernen und auch für sich selbst und sein Handeln Verantwortung zu übernehmen.

Im Gegensatz zur Wut können die ersten Enttäuschungsanfälle viel später auftreten. Das kommt ganz darauf an, welche Erfahrungen das Kind gemacht hat. Auch wenn es in bestimmten Bereichen gelernt hat mit Misserfolgen umzugehen, kann es sein, dass es in anderen Bereichen sensibel reagiert.

Manche Kinder erleben die ersten Enttäuschungen im Kindergarten, wenn sie nicht auf die Geburtstagsfeier des vermeintlich besten Freundes eingeladen werden und andere erst auf der höheren Schule, wenn die Leistungen auf einmal nicht so sind, wie sie es gewohnt sind.

Gründe für kindliche Enttäuschung

Den meisten Kindern geht es relativ gut. Sie wachsen ohne Sorgen auf und bekommen reichlich Taschengeld. Auch in finanzschwachen Familien ist es meist so, dass die Wünsche der Kinder ganz oben stehen und am ehesten erfüllt werden.

Viele Kinder haben es also nicht gelernt, auf etwas zu verzichten, auf etwas zu warten oder für etwas zu kämpfen. Sie sind es nicht gewohnt, sich anzustrengen. Eltern wollen ihren Kindern eine unbeschwerte Kindheit ermöglichen und räumen ihnen so viele Schwierigkeiten, wie nur irgend möglich, aus dem Weg. Sie übersehen dabei, dass diese Handlungsweise ein Schuss ins Knie sein kann. Kinder brauchen Misserfolge, um zu wachsen und sich gut zu entwickeln.

Die Frustrationstoleranz eines Kindes, wird mit jeder Herausforderung, die es erfolgreich meistert höher. Es erfährt Selbstwirksamkeit und merkt, dass es zu seinem Erfolg etwas beitragen kann.

Ermögliche deinem Kind also Situationen, die schwierig, aber doch zu meistern sind. So dass es sich zwar anstrengen muss, der Erfolg aber in greifbarer Nähe bleibt.

Der Zusammenhang zwischen Enttäuschung und sinkendem Selbstvertrauen

Indem du deinem Kind immer wieder kleine Herausforderungen bietest, an denen es wachsen kann, schaffst du die besten Voraussetzungen, um die Spirale „Enttäuschung – Frust – Misserfolg – sinkendes Selbstvertrauen“ zu verhindern.

Dieser Kreislauf hat etwas mit den Hormonen und Botenstoffen unseres Gehirns zu tun und kann fatale Auswirkungen haben.

Ein kleines Beispiel: Max ist in eine neue Schule gekommen. Er ist in einer sehr leistungsstarken Klasse gelandet. Bisher musste er nie lernen, um gute Noten zu bekommen. Nach der ersten Klassenarbeit steht fest: So wie bisher geht es nicht weiter. Max hat ein Nicht genügend. Er ist enttäuscht. Schließlich hat er alles so gemacht, wie immer.

Diese Enttäuschung setzt das Stresshormon Cortisol frei.
Bei einer schlechten Note ist das kein Beinbruch.

Mehrere schlechte Noten nacheinander führen zu Frust und Dauerstressbelastung. Dass erschwert wiederum das Lernen. Möglicherweise denkt Max jetzt von sich: „Ich bin ohnehin zu dumm dafür.“

Und hier ist jetzt die große Falle. Mit der nächsten schlechten Note fühlt sich Max bestätigt. Er hat recht gehabt. Er hat es gewusst! Und sein Gehirn schüttet zur Belohnung den Botenstoff Dopamin aus. Max fühlt sich glücklich. Schließlich hat er die Bestätigung, dass er richtig gelegen ist.

Blöd, nicht wahr? Misserfolg und trotzdem gibt es eine Belohnung im Gehirn. Entwicklungstechnisch ist der Mensch so angelegt, dass er die Situationen sucht, wo Dopamin ausgeschüttet wird. Normalerweise bedeutet das ja Erfolg und Belohnung.

Somit wird Max für sein sinkendes Selbstvertrauen auch noch vom Gehirn belohnt.

Das Ganze ist jetzt natürlich sehr vereinfacht. Es zeigt aber sehr klar, warum du dein Kind bei Enttäuschung unterstützen solltest, ihm aber nicht direkt die Schwierigkeiten aus dem Weg räumen sollst. Im Fall von Max sähe die richtige Unterstützung so aus: Max musste bis jetzt nicht lernen. Er weiß also gar nicht, wie man richtig lernt. Er hat keine Methoden und Strategien um sich wissen anzueignen und es zu verarbeiten. Wenn die Eltern von Max gemeinsam mit ihm Lernmethoden suchen und ihm helfen den Lernstoff so aufzubereiten, dass er ihn auch aufnehmen kann, dann kann Max wieder schulische Erfolge einfahren. Und diese Erfolge gehören dann auch ihm alleine. Denn er hat die Leistung erbracht.

Wie kannst du dein Kind unterstützen?

Nein-Sagen

Schon kleine Kinder müssen lernen, ein Nein zu akzeptieren. Im Zusammenleben gibt es eben Grenzen und diese Grenzen gilt es zu wahren.

Versprechen halten

Halte deine Versprechen an dein Kind und achte im Gegenzug dazu auch darauf, dass kindliche Versprechen eingehalten werden. Kinder vergessen in der Hitze des Gefechts leicht etwas. Das ist kein Drama. Wenn dein Kind also versprochen hat, das Geschirr abzuwischen, dann erinnere es daran.

Keine Ausreden

Wenn etwas vereinbart wurde, dann akzeptiere keine Ausreden. So lernt dein Kind, seine Verpflichtungen wahrzunehmen.
„Du darfst noch 10 Minuten lesen, dann komme ich und sage dir Gute Nacht.“ Solltest du so eine Vereinbarung treffen, dann halte sie auch ein. Sei selbst nach 10 Minuten da und nimm dir kurz Zeit für dein Kind. Lass dich aber auf keine Nachverhandlungen ein.

Durchhalten und Dranbleiben

Nicht alles gelingt gleich beim ersten Mal. Wenn das Kind sich bemüht, sein Zimmer das erste Mal selbst aufzuräumen, dann würdige den Versuch. Auch dann, wenn nicht gleich alles dort landet, wo es hingehört.

Bei schwierigen Lernaufgaben bewährt es sich, sie in einzelne Schritte zu zerlegen und an verschiedenen Tagen zu üben. Gerade für Kinder, die sehr perfektionistisch veranlagt sind, ist das ein guter Weg.

Auch Eltern haben Freiräume

Kinder dürfen von Anfang an sehen, dass auch Eltern nicht immer verfügbar sind und ihre Freiräume haben. Meine Kinder durften das lernen, als mein Mann das erste Mal auf Auslandseinsatz war. Die Tage mit einer 4-jährigen und einem 7-jährigen waren aufreibend und ich habe damals eingeführt, dass ich mich nach dem Mittagessen für 20 – 30 Minuten in das Schlafzimmer zurückziehe. In dieser Zeit wurde ich nur gestört, wenn sich ein Kind verletzt hat, oder wenn eine gefährliche Situation auftrat. (Keine Angst: Ich hatte die Tür angelehnt und war immer mit einem Ohr bei den Kindern.) So haben meine Kinder gelernt, dass auch Mutti manchmal Ruhe braucht.

Leistungen respektieren

Gerade bei Schulleistungen stellt sich oft nicht gleich der gewünschte Erfolg ein. Hier hilft es oft, den Spieß umzudrehen und zu sehen, wie viel schon richtig ist. Sag also nicht: „Von 9 Aufgaben hast du 4 falsch.“, sondern „Diesmal hast du von 9 Aufgaben schon 5 richtig.“ (Mehr Tipps zum entspannten Lernen findest du hier im Podcast.)

Fokus auf Ermutigung

Zeige deinem Kind, was es schon kann und was schon geklappt hat. Im besten Fall findet ihr gemeinsam eine Situation, die der jetzigen (krisenhaften) sehr ähnlich war.

Nicht die eigenen Ansprüche auf das Kind übertragen

Oft passiert es auch, dass Eltern die eigenen Wünsche auf das Kind projizieren. Der Vater war in Deutsch keine Leuchte – jetzt soll der Sohn beweisen, dass er es kann. Die Mutter wollte als Kind immer Ballett-tanzen und durfte nicht – jetzt soll die Tochter die erhofften Erfolge einfahren.

Gerade in diesen Fällen kann es vorkommen, dass bei einem Misserfolg nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern enttäuscht sind. Ist das der Fall, bemühe dich, deinem Kind nichts zu zeigen. Sonst kann auch noch ein zusätzlicher Druck entstehen, weil dein Kind denkt, es sei schuld, dass du unglücklich bist.

Vom Umgang mit Perfektionisten

Es scheint kaum zu glauben, aber auch schon Kinder können eine perfektionistische Ader haben.
Ein gutes Beispiel dafür ist eine Kindheitsgeschichte meines Mannes. Als er Schi fahren lernte, schmiss er voller Frust nach der zweiten Abfahrt seine Schi hin und erklärte: „Die Schi sind Mist, die fahren nicht so gut, wie die vom Franz Klammer.“

Gerade bei solchen Kindern ist es wichtig, ihre eigenen Erwartungen zu drosseln und ihnen zu erklären, wie der Lernprozess aussehen wird. Sie müssen wissen: Zuerst male ich Striche und Kreise, dann schreibe ich einzelne Buchstaben und erst dann lerne ich Worte zu schreiben.

Aus jeder Niederlage lernen wir

Niederlagen sind wichtig. Sie sind nichts anderes, als ein Feed-back, dass der eingeschlagene Weg nicht gut funktioniert.  Vertraue also deinem Kind, dass es seine Lösung finden wird.

Der Neurobiologe Gerald Hüther meint dazu:

„Jungen und Mädchen, die in so genannten behüteten Kindheiten aufwachsen, haben es später oft schwer, weil sie nur wenig Vertrauen in eigene Fähigkeiten entwickeln. Oder – in der Sprache der Hirnforscher ausgedrückt – weil in ihren Hirnen Verschaltungen fehlen, mit denen sich Probleme lösen lassen.“

Zu guter Letzt: Liebe und Leistung

Zeige deinem Kind immer wieder, dass du es liebst. Unabhängig von seiner Leistung. Das gibt ihm Selbstvertrauen und ermöglicht es ihm, selbst nach Lösungen zu suchen.
Ein schönes Beispiel dazu, kannst du in diesem Papa-Interview hören.

Auch wenn es manchmal schwer ist, deinem Kind zuzusehen, wie es sich quält:

Bleib gelassen!

Ilse Maria_Signatur

 

 

 

 

Merken

Merken

Merken

Teile diesen Beitrag und hilf mit den Familienalltag gelassen zu machen!
0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.