Gelassenheit gegenüber Eltern

 

Gelassenheit gegenüber Eltern

Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber bei mir war es oft so, dass ich zu kämpfen hatte, meine Ansichten über Erziehung durchzusetzen, wenn meine Eltern da waren.

Ich habe seit jeher ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Trotzdem ist es so, dass ich, wenn es um meine Kinder geht, in einigen Punkten ganz anders denke als sie. Das war für mich in meiner Umgebung auch kein Problem. Da machte ich einfach alles so, wie ich es für richtig hielt.

Kaum war ich aber bei meinen Eltern zu Besuch, machte ich die Beobachtung, dass verschiedene Prozesse parallel abliefen.

  • Ich fühlte mich beobachtet und bewertet.
  • Ich hatte das Gefühl mich ständig rechtfertigen zu müssen.
  • Ich bemerkte, wie ich phasenweise wieder zum Kind wurde. Das heißt, ich begann loszulassen und mich getragen zu fühlen. Damit ging leider auch einher, dass ich Verantwortung abgab. Verantwortung für mich selbst.

Jetzt kommen meine Eltern langsam in ein Alter, wo sie gebrechlich werden und wo sie manchmal Unterstützung von uns Kindern brauchen. Auch das fühlt sich zeitweise eigenartig an.

Unlängst hatte ich eine Klientin, die mir Ähnliches berichtet hat. Konkret ging es darum, dass sie mit ihren beiden Kindern eine Vereinbarung hat, dass sie im Haushalt mithelfen. Das funktioniert – wie überall – mal mehr und mal weniger gut. Eines Tages waren ihre Eltern zu Besuch. Sie setzte sich beim Frühstück mit den Kindern hin und besprach, was zu erledigen ist. Jeder meldete sich für einige Tätigkeiten. Es wurde vereinbart, dass die Tochter mit den beiden Hunden spazieren gehen sollte, der Sohn meldete sich zum Autowaschen. Und dann passierte folgendes: Die Eltern beobachteten die Situation, schauten missbilligend und sagten kein Wort. Als die Kinder ihren Pflichten nachkommen wollten, meinte der Großvater: „Ich kann ja auch das Auto waschen.“ Die Großmutter ging wortlos mit den Hunden spazieren. Zurück blieb ein ungutes Gefühl. Die Klientin fühlte sich von den Eltern auf unbestimmte Weise hintergangen. Sie hatten ihre Autorität untergraben, anstatt ihr den Rücken zu stärken. Eigenartigerweise war sie es dann, die das Gefühl hatte, etwas falsch gemacht zu haben. Sofort fragte sie sich: „Überfordere ich meine Kinder?“ Gleichzeitig kommt ein Frust auf die Eltern hoch. Es ist gar nicht leicht die Gelassenheit gegenüber Eltern zu bewahren.

Warum werden familiäre Situationen so schwierig, wenn die eigenen Eltern dazu kommen?

Rollenklarheit

Zum einen liegt das darin begründet, dass wir und die Eltern oft keine Rollenklarheit haben.

Sowohl wir, als auch die Eltern befinden sich in solchen Situationen in jeweils zwei Rollen.

Die Eltern sind als unsere Eltern und die Großeltern unserer Kinder im Raum.
Wir sind als Eltern unserer Kinder und als Kinder unserer Eltern im Raum.

Sind also die Zuständigkeiten nicht geklärt, dann kann es schon vorkommen, dass sich die Großeltern der Kinder in ihre Elternrolle schlüpfen und nicht nur an den Enkelkindern, sondern auch an uns zum Herumerziehen anfangen.

Im Gegenzug dazu kann es passieren, dass wir die Verantwortung abgeben und uns unbewusst, oder auch freiwillig in die Kinderrolle zurückziehen.

Dieser unbewusste Rückzug kann auch an Orte gekoppelt sein. Ich zum Beispiel hatte deutlich mehr Schwierigkeiten in meiner Rolle als Mutter zu bleiben, wenn ich meine Eltern besuchte. Also wenn ich mein altes Zuhause aufsuchte. War ich in meinem Haus und meine Eltern zu Besuch, dann war mir meine Rolle klar.

Erwartungshaltung

Von uns den Eltern gegenüber

Als wir aufgewachsen sind, waren die Eltern unsere Unterstützer, sie haben für uns gesorgt. Das hat für uns Schutz bedeutet. Gleichzeitig konnten wir als Kinder mit einer gewissen Nachsicht seitens unserer Eltern rechnen.

Andererseits haben die Eltern aber auch versucht, uns ihre Werte zu vermitteln. Sie haben uns erzogen und auch Ansprüche an uns gestellt.
Sie waren diejenigen, die uns und unser Verhalten beobachtet haben und ab und zu korrigierend eingriffen.

So sind wir das gewohnt!

Dadurch kann es aber leicht passieren, dass wir uns auch im Erwachsenenalter von den Eltern beobachtet und bewertet fühlen.
Es entsteht der Eindruck, dass alles, was wir tun kritisch beäugt wird und dass wir uns dafür rechtfertigen oder es begründen müssen.

Manchmal passiert es auch, dass wir in typische Kindheitsmuster zurückfallen. Verhaltensweise, die wir schon längst abgelegt hatten tauchen wieder auf. Das sorgt für Verwirrung.

Von den Eltern den Kindern gegenüber

Eltern wollen uns im Idealfall unterstützen. Sie fühlen sich dafür verantwortlich, dass es uns gut geht.

Lange Zeit haben sie Vieles besser gewusst als wir; sie hatten mehr Lebenserfahrung.

So kann es passieren, dass unsere Eltern vergessen, dass sie erwachsene Persönlichkeiten vor sich haben. Denn im Herzen sind wir immer noch die Kinder, für die sie sich verantwortlich fühlen. Sie bemerken oft nicht, dass sie mit ihrem Verhalten Grenzen überschreiten und übergriffig sind. Sie nehmen sich den Kindern gegenüber mit einer großen Selbstverständlichkeit Dinge heraus, die sie anderen Menschen nicht zumuten würden. Und all das aus dem Gefühl heraus verantwortlich zu sein und Schutz bieten zu müssen.

Gleichzeitig sind wir gegenüber unseren Kindern in derselben Position. Wir glauben zu wissen, was das Beste für unsere Kinder ist. Wir sind für unsere Kinder verantwortlich. Wir haben unsere eigenen Erziehungsansätze und unsere eigenen Werte, die wir vermitteln wollen.

Du siehst schon, dass diese beiden Positionen eine Menge Konfliktpotential bieten.

Von unseren Kindern uns gegenüber

Wenn alles in Ordnung ist, dann vertrauen uns unsere Kinder. Sie fühlen, dass wir es gut mit ihnen meinen und dass wir sie liebevoll ins Leben begleiten wollen.

Wir sind aber auch diejenigen, die ihnen Grenzen setzen, die sie zur Mitarbeit ermuntern, die die Regeln festlegen.

Alles Dinge, die notwendig sind, die aber manchmal auch ungeliebte Aspekte sind.

Kinder müssen sich im Laufe ihrer Entwicklung von den Eltern abnabeln und lösen. Das geht oft mit Widerstand einher.

Von unseren Kindern den Großeltern gegenüber

Großeltern sind den Enkelkindern gegenüber meist nachsichtiger. Sie haben mehr Geduld, als sie ihren eigenen Kindern gegenüber aufgebracht haben. Oft richten sie es so ein, dass die Zeit, die sie mit ihren Enkelkindern verbringen nicht von Alltagstätigkeiten beeinträchtigt wird.

Sie sorgen also für einen Idealzustand. Sie können den Enkelkindern gegenüber auch nachgiebig sein, ohne die Konsequenzen dafür tragen zu müssen.

Von den Großeltern den Enkelkindern gegenüber

Wenn das Kind von der Großmutter einen Nachmittag lang mit Süßigkeiten gefüttert wird, dann ist das ein Ausnahmezustand, der die Gesundheit des Kindes nicht dauerhaft beeinträchtigen wird. Das weiß die Großmutter auch. Somit kann sie dem Enkelkind Gutes tun. Sie muss keine Grenzen setzen. Zumindest dann nicht, wenn wie nicht dauerhaft in die Erziehung des Kindes eingebunden ist.

Auch wenn Großeltern ihre Enkelkinder regelmäßig beaufsichtigen gelten bei ihnen oft andere Regeln, als zu Hause bei den Eltern. Das ist grundsätzlich in Ordnung und Kinder kommen damit gut zurecht. Den Eltern verlangen solche Regelungen meist einiges an Toleranz ab. Der Vorteil aktiver Großeltern ist mit einer Menge Zugeständnissen verbunden.

Wenn die eigenen Eltern alt werden

Eine zusätzliche Komponente kommt dazu, wenn die eigenen Eltern alt werden. Du merkst vielleicht, dass sie mit den Veränderungen des Lebens nicht mehr so gut zurechtkommen. Manche Dinge sind ihnen nicht mehr in der vollen Tragweite bewusst. Sie werden unsicher. Immer öfter kommst du in die Situation, dass du Rat gibst. Die Rollen drehen sich. Lange Zeit haben deine Eltern für dich gesorgt und dich beschützt und jetzt beginnst du langsam Verantwortung für deine Eltern zu übernehmen. Sei es, weil sie körperlich gebrechlich werden, oder weil sie mit den Errungenschaften der Technik nicht mehr Schritt halten können.

Wie kannst du damit umgehen?

Achtsamkeit

Sei achtsam und reflektiere dein eigenes Verhalten. So bemerkst du schnell, wenn du dir nicht klar über deine Rolle bist oder wenn du in alte Muster fällst.

Abgrenzung

Mach deinen Eltern klar, dass du erwachsen bist und dass du die Verantwortung für deine Kinder trägst. So wie sie es für dich getan haben.

Toleranz

Hab Verständnis! Solche Familienkonflikte sind für alle Beteiligten belastend. Geh ruhig und besonnen an das Problem heran. Signalisiere, dass du bemerkst, dass es auch für deine Eltern eine Umstellung ist. Bleibe aber klar in deinen Grundsätzen.

Klarheit

Sei so klar als möglich. Nur kein Wischi-waschi.
Bleibe höflich und liebevoll und in der Sache klar (und manchmal auch hart).

Ich gebe dir hier ein Beispiel, damit du verstehst, was ich meine.
Vor einigen Jahren ist meine Schwiegermutter in eine kleinere Wohnung übersiedelt. Es war uns allen klar, dass sie vor der Übersiedlung radikal ausmisten musste, um ihren Besitz in der neuen Wohnung unterzubringen.
Sie kannte ihren Übersiedlungstermin schon 6 Monate im Voraus und konnte sich nicht aufraffen anzufangen. Ich sagte ihr, dass ich verstehe, dass es ihr schwer fällt anzufangen, weil ihr die Aufgabe so unüberwindlich vorkam. Ich signalisierte auch Verständnis dafür, dass das Ausmisten seelisch belastend sei und für sie eine Herausforderung darstellt. Gemeinsam mit meinem Mann und meiner Schwägerin setzten wir aber auch ein Ultimatum, bis wann sie mit diesen Arbeiten beginnen müsse.

Und wenn es trotzdem mal kracht?

Es gibt den schönen Spruch: Gewitter reinigen die Luft!

Das trifft auch auf Familienkonflikte zu. Wenn es so weit kommt, dann kannst du es deinen Eltern gegenüber genauso halten, wie mit deinen Kindern. Du kannst im Moment auf sie böse, ärgerlich oder angefressen sein und du kannst sie trotzdem lieb haben.

Das klingt banal. Genau dieser Satz war es aber, der für meine Klientin so erlösend war.

Sind wir in der Kinderrolle, dann haben wir ein schlechtes Gewissen, wenn wir auf die Eltern böse sind. Das brauchst du nicht haben. Das kommt manchmal vor. Hab sie einfach weiter lieb und vertraue darauf, dass sich auch dieser Konflikt lösen wird.

 

Bleib gelassen!

Ilse Maria_Signatur

 

 

 

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