schlechtes Gewissen-Schuldgefühle-loslassen

Lass das schlechte Gewissen und die Schuldgefühle los

Unlängst habe ich dir ja gezeigt, wie dein schlechtes Gewissen und der Zoff mit den Kindern im Zusammenhang stehen.

Heute möchte ich dich auf den nächsten Schritt einladen.

Schuldgefühle zu haben, heißt nicht Schuld zu haben

Schuldgefühle entstehen meistens aufgrund der hohen Erwartungen. Sowohl der eigenen Erwartungen, als auch den von außen.

Die meisten mütterlichen Schuldgefühle entstehen, weil du Angst hast, dem Druck und den Erwartungen nicht gerecht zu werden. Wenn du von Haus aus schon ein angeknackstes Selbstwertgefühl hast, dann fällt dieses Gefühl auf fruchtbaren Boden und kann sich zu einem satten, starken Schuldgefühl auswachsen.

Wenn du als Kind das Gefühl hattest, du wirst nur wegen deiner Leistung geliebt, bist du für Schuldgefühle anfälliger.

Abstruser Weise sind es oft die engagierten Mütter, die unter schlechtem Gewissen leiden. Sie wollen alles richtig machen, ihre Kinder fördern und wissen, dass sie mit der Geburt des Kindes eine große Verantwortung für einen anderen Menschen übernommen haben.

Lass deine Schuldgefühle los

Jeder von uns hat seine Lebensaufgabe. Auch dein Kind. Natürlich kannst du als Mutter einiges beitragen, dass sich dein Kind gut entwickelt. Manche Charakteranlagen bringen Kinder aber einfach mit. Selbst wenn du 4 Kinder hast, die du alle gleich behandelst (was aufgrund der Geschwisterposition schon gar nicht geht), dann wird jedes Kind anders sein.

Unser Sohn isst seit sehr jungen Jahren kein Obst. Die einzige Ausnahme bilden Äpfel. Wir waren in dieser Hinsicht sicher jederzeit ein gutes Vorbild, denn mein Mann und ich lieben Obst. Unser Sohn mag es einfach nicht. 4 Jahre lang habe ich mich gefragt, was ich anders machen könnte.

Dann hat unsere Tochter (die beiden sind fast exakt 3 Jahre auseinander) angefangen zu essen und Obst stand von Anfang an auf ihrem Speiseplan. Sie liebt es.

Ich habe sicher beiden Kindern dieselben Nahrungsmittel angeboten, ich habe ähnliche Sachen gekocht. Ich bereite die Speisen gleich zu. Gibt es Obstkuchen, dann seziert unser heute 21-jähriger immer noch die Früchte herunter und isst nur den Teig.

Du siehst, auch Kinder haben Eigenheiten.

Genau so gibt es Kinder, die gerne lesen, gerne Sport betreiben, leicht lernen und von Natur aus Diplomaten sind. Hast du eines der anderen Sorte, dann kannst du nur gegensteuern und schauen, dass alles in einem vernünftigen Maß bleibt.

Unserem Sohn habe ich beigebracht täglich einen Apfel zu essen und ich achte darauf, dass genügend Gemüse zu Hause ist. Das liebt er. Damit kann er seinen Vitaminbedarf decken.

Komm deinen eigenen Prägungen auf die Spur

Ich habe schon weiter oben geschrieben, dass auch deine eigene Kindheit dazu beiträgt, ob du als Mutter zu schlechtem Gewissen oder Schuldgefühlen neigst.

Hast du als Kind solche Sätze gehört:

  • Du machst mich ganz krank.
  • Du trampelst auf meinen Nerven herum.
  • Ich werde noch wahnsinnig vor lauter Sorge um dich.
  • Wenn du nicht brav bist, hab ich dich nicht mehr lieb.
  • Warum passiert so etwas eigentlich immer nur dir?
  • Von dem Theater wird mir ganz schlecht.

Wenn du diese oder ähnliche Sätze kennst, dann kann es sein, dass du als Kind schon den Eindruck hattest, dass dein Verhalten das Wohl der anderen beeinflusst. Dadurch hast du dich auch dafür verantwortlich gefühlt, wenn es ihnen schlecht ging. Wie gesagt, das kann sein, muss aber nicht. Denn Gott sei Dank sind Kinderseelen oft sehr widerstandsfähig. Vielleicht hast du in diesem Zusammenhang auch schon das Wort Resilienz gehört. Das ist die Fähigkeit Krisen gut zu überstehen und sie auch noch als Chance für die Entwicklung zu nutzen.

Schau dir auch deine eigenen Glaubenssätze an

Gibt es auch sonst in deinem Leben Situationen, wo du das Gefühl hast „Ich bin nicht gut genug!“ oder „Ich mache einfach nichts richtig.“ oder „Nie klappt bei mir alles auf Anhieb.“

Das sind Glaubenssätze und sie haben sich schon sehr früh gebildet. Das dumme an den Glaubenssätzen ist, dass du zwar vom Verstand her genau wissen kannst, dass es anders ist, aber es wird immer ein kleines Gefühl oder eine Stimme geben, die dir sagt „Wirst schon sehen, ich hab recht.“ Und die bringt dich dazu, an den eigenen Überzeugungen zu zweifeln. Wie du mit deinen Glaubenssätzen arbeiten kannst, kannst du hier nachlesen.

Lass deinen Perfektionismus los und nimm es locker

Oft entsteht das schlechte Gewissen, durch das Bild, wie eine ideale Mutter sein sollte: immer lieb, stets verständnisvoll und geduldig, lächelnd, gut aussehend, top-gestylt, fabelhaft organisiert, aufopfernd …
Spätestens beim letzten Wort sollten jetzt alle Alarmglocken klingeln. Warum solltest du dich auf-opfern? Und wenn du dich für deine Familie aufopferst, was hat sie dann davon? – Eine Frau und Mutter, die buchstäblich auf dem Zahnfleisch daher kommt. Das wollen deine Lieben sicher nicht.

Wenn du so ein Mutterbild im Kopf hast, dann frage dich, wo das herkommt.

Oft hat sich die eigene Mutter so präsentiert. Oder du gehst einem Idealbild aus einer Fernsehsendung auf den Leim.

Finde deine eigenen Werte

Bei den meisten Frauen verändern sich die Werte, wenn sie ein Kind bekommen. Sie beginnen in Generationen zu denken, sorgen sich um die Umwelt, kochen gesünder und wollen ein gutes Vorbild sein.

Manchmal ist es jedoch nach einigen Jahren noch einmal notwendig die Werte zu überprüfen. Denn einige Werte, die du in deiner Erziehung verfolgst, sind noch die Werte deiner Eltern. Du hast sie bis jetzt bloß nicht hinterfragt.

Die Zeiten haben sich aber geändert und auch unser Leben verläuft jetzt anders. Somit kann es sein, dass manche dieser Werte gar nicht mehr lebbar sind oder zumindest nicht mehr zu dir passen.

Vielleicht stehen sie sogar mit einigen deiner eigenen Werte im Konflikt. Dann fühlst du dich gar nicht gut. Wenn du den einen Wert befolgst, verstößt du gleichzeitig gegen den andern.

Ist dir Individualität zum Beispiel sehr wichtig und hast du von deinen Eltern den Wert „Nur nicht auffallen“ übernommen, dann kann das für dich unangenehm werden. Du willst vielleicht deiner Individualität mit einer schrägen Frisur Ausdruck verleihen, aber damit fällst du sicher auf.

Hier wird dir der Konflikt vermutlich bald auffallen und einer der Werte wird dann einfach gewinnen.

Bei der Kindererziehung ist das oft viel subtiler. Du bist überzeugt, dass dein Kind solange es klein ist, so viel wie möglich bei dir sein sollte. Du tröstet es sofort, wenn es zu weinen beginnt.
Dann kommen deine Eltern zu Besuch, begutachten voll Stolz das Enkelkind und als es das erste Mal weint, meinen sie: „Lass nur, davon bekommt es gute Lungen.“ Wenn du deinen Eltern alles recht machen willst, und immer eine brave Tochter warst, dann wirst du dich jetzt vielleicht das erste Mal auflehnen. Dein Wunsch, dein Kind zu beschützen ist einfach größer. Trotzdem kann es sein, dass du nachher deinen Eltern gegenüber ein schlechtes Gewissen hast.

Sei authentisch

Wenn du müde bist oder Kopfschmerzen hast, dann kannst du das deinem Kind auch sagen. Du kannst es auch deinem Baby erzählen. Das klingt komisch, kann aber gut funktionieren. Babys verstehen so viel mehr als wir glauben.

Als unser Sohn ein Baby war, machte er die Nacht zum Tag. Ich war wirklich schon erledigt.

Eines Tages erzählte ich der Hebamme in der Stillgruppe, wie es mir ging. Es war eine erfahrene Hebamme. Sie nahm den kleinen Mann, hielt ihn im Sitzen hoch, sodass er ihr in die Augen sehen konnte und dann sagte sie ganz ruhig und ernst zu ihm: „Junger Mann hör mir mal zu. Ich weiß du machst die Nacht zum Tag, weil du ein nachtgeborenes Baby bist. Du weißt einfach noch nicht, dass die Nacht zum Schlafen da ist. Wenn du aber in der Nacht immer munter bist, dann tut das deiner Mutti nicht gut. Sie ist ganz müde. Schau sie dir an, sie kann fast nicht mehr.“

Ich hörte ihr zu und dachte: „Die spinnt.“ Dabei beobachtete ich unseren Sohn. Er sah ihr in die Augen. Die Augen wurden immer größer, dann sah er zu mir. Und dann zog er zornig die Augen zusammen und … spuckte die arme Hebamme von oben bis unten an. Die aber lachte nur und meinte: „Der hat mich verstanden.“ Er hat nicht von einer Nacht auf die andere durchgeschlafen, aber von diesem Tag an wurde es besser.

Ich ermutige dich auch deinem Kind deinen Ärger zu zeigen. Du musst nicht gleich herumschreien. Aber du kannst schon mal ernst und etwas lauter sprechen. Kinder lernen an deiner Mimik die Emotionen zu verstehen und Wissenschaftler haben festgestellt, dass Kinder deren Eltern selten oder nie Emotionen zeigen, Schwierigkeiten haben, diese Emotionen bei anderen Menschen rechtzeitig wahrzunehmen. Sie schießen dann oft über das Ziel hinaus.

Achte auf deine Gefühle

Hinter dem schlechten Gewissen und den Schuldgefühlen verstecken sich oft Gefühle wie Angst, Wut oder Unsicherheit.

Wo kommen diese Gefühle her? Was machen sie mit dir?

Lass diese Gefühle zu und nimm sie wahr. Manchmal haben sie gar nichts mit der heutigen Situation zu tun.

Mach es anders und das lange genug

Wenn etwas nicht funktioniert, dann versuche einfach etwas Neues. Wenn es um die Erziehung deiner Kinder geht, dann mach es lange genug. Vor allem Kleinkinder sind auf der Suche nach Beständigkeit und Sicherheit. Sie reagieren oft empfindlich auf Veränderungen.

Ich kenne einige Kinder, die deshalb so unruhig sind, weil ihre Eltern alle paar Wochen einer neuen Erziehungsmode folgen.

Findet eure Lösung

Jede Familie ist anders und es gibt im familiären Zusammenleben zwar Richtwerte, aber keine Patentrezepte. Das, was woanders funktioniert, kann bei euch ein Reinfall sein und umgekehrt. Hab also den Mut eigene Lösungen zu suchen und zu finden.

Ersuche um Hilfe

Wenn es dir nicht gut geht, nimm Hilfe an. Von der Mutter, der Freundin, einer Familienhelferin oder auch von einem Coach oder Psychologen. Manchmal scheinen dir Herausforderungen für dich riesig und mit der richtigen Hilfe sind sie rasch überwunden.

Das ist keine Schwäche! Hilfe anzunehmen bedeutet, dass du die Verantwortung für dich und deine Familie übernimmst.+

 

Du willst mehr wissen?

Wenn du mehr über dieses Thema wissen willst, dann ist mein kostenloses Webinar „Was Hausarbeit mit Schulreife zu tun hat“ wie für dich geschaffen. Du erfährst, was du deinem Kind Gutes tust, indem du es in die Hausarbeit einbeziehst. So wirst du langfristig entlastet und hast mehr Zeit für dich.

Hier kannst du dich gleich dazu anmelden

Bleib gelassen!

Ilse Maria_Signatur

 

 

 

 

 

 

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5 Kommentare
  1. Dagmar sagte:

    Liebe Ilse,
    wieder ein super treffender Artikel. Er zeigt das man immer seine eigenen Umstände vor Augen haben muß, den jeder von uns ist individuell.
    Liebe Grüße
    von Herzen
    Dagmar

    P.S.: Es macht mir immer wieder Freude neue Artikel oder podcasts von dir zu lesen oder zu hören!!!!!!

    Antworten
  2. Peter sagte:

    Schönen guten Tag,
    Ilse,
    der Artikel lässt sich sehr gut lesen und ist äußerst lesenswert!
    Anders als David finde ich, das Schuld auch ein wichtiges Prinzip ist. Sie wird leider jedoch zu oft als Machtsicherung eingesetzt. Deswegen möchte ich auf den Nutzen gar nicht eingehen.
    Viel wichtiger ist mir, das Schuld oft ein Übertragungsphänomen ist. Oftmals liegen die Schuldgefühle in der Familie „begraben“. Gerade bei Kindern, die in eher depressiven Verhältnissen aufwachsen, kommen diese Übertragungen häufig vor. Hier entstehen Schuldgefühle, die nicht erklärbar sind. Aus diesem Grund ist es bei Schuldgefühlen sehr wichtig, die Gefühle zu hinterfragen. „Ist es überhaupt mein Gefühl?“
    In diesem Zusammenhang empfehle ich, gerade in Deutschland, die Bücher von Sabine Bode zum Thema Kriegskinder und Kriegsenkel.
    Lieben Gruß

    Peter

    Antworten
    • Ilse Maria Lechner sagte:

      Hallo Peter,

      ich glaube nicht, dass David das Schuldgefühl als solches kleinreden wollte. Es ging also nicht um das psychologische Prinzip, sondern um den Begriff als Machtinstrument.

      Was die Übertragung von Schuldgefühlen betrifft stimme ich dir uneingeschränkt zu. Ein Schuldgefühl bedeutet aber noch lange nicht, dass ich mich schuldig gemacht habe. Gerade diese übertragenen Schuldgefühle entstehen ja eher aus einer diffusen Atmosphäre innerhalb der Familie. Kinder merken schnell, dass die mit Worten ausgedrückten Botschaften weder zur Körpersprache noch zur vorherrschenden Stimmung passt. Wenn das passiert, beginnen sie die Ursache bei sich selbst zu suchen (sehr vereinfacht dargestellt, ich weiß).

      Die Bücher von Sabine Bode kenne ich und auch ich kenne diese diffusen, nicht genau zuordenbaren Gefühle sehr gut ;-)

      Liebe Grüße
      Ilse

      Antworten
  3. David Goebel sagte:

    Liebe Ilse,

    Schuld ist in meinen Augen das überflüssigste Prinzip und dient nur dazu, Macht über andere auszuüben.
    (Was sagt uns das über die Idee der Erbsünde und den „einzigen“ Weg zur Vergebung)

    Wir sind alle Schöpfer unserer Welt. Was ich verursacht habe, ja dafür bin ich der Auslöser. Und wenn ich etwas ändern will, dann fängt auch dort alle Veränderung bei mir an.

    Danke für die Ansätze, mit denen du hier deinen Lesern hilfst.

    Liebe Grüße,
    David

    Antworten
    • Ilse Maria Lechner sagte:

      Lieber David,

      da rennst du bei mir offen Türen ein. Mit den Konzepten Schuld/Unschuld und Opfer/Täter ist gut zu herrschen und auch viel Geld zu machen.

      In Wirklichkeit geht es ja immer nur darum: Was macht diese Situation mit mir? Was löst sie in mir aus?
      Ich vergleiche das System Familie gerne mit einem Billadtisch. Ich kann keine andere Kugel bewegen, aber wenn ich mich bewege, dann kann ich andere Kugeln anstoßen und auch dort Veränderung anregen. Echte Veränderung geht also immer von mir selbst aus.

      Liebe Grüße
      Ilse

      Antworten

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