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Warum Rücksichtnahme ein missverstandener Begriff ist

Rücksichtnahme_missverstanden

Viele Menschen wehren sich gegen den Begriff Rücksichtnahme. Sie verbinden Rücksichtnahme mit Selbstaufgabe und Selbstaufopferung. Sie meinen Rücksichtnahme, wäre eine Beschränkung der persönlichen Freiheit oder verbinden den Begriff mit mangelndem Durchsetzungsvermögen. Das finde ich spannend, denn ich sehe den Begriff sehr neutral. Ich habe mich also damit auseinandergesetzt, wie dieser Begriff zu so einem schlechten Image kommt.

Straßenverkehr

Bei meinen Recherchen für das Wochenthema Rücksichtnahme habe ich diesen Begriff vor allem in Verbindung mit dem Straßenverkehr (§3 Abs. 2a StVO) gefunden.

Straßenverkehr verbinden wir mit Staus, Baustellen und Stress. Beim Autofahren muss man sich konzentrieren, für viele ist es Zeit, die sie gerne woanders verbringen würden. In einer Situation, die uns ohnehin schon belastet Rücksicht zu nehmen ist also nicht besonders angenehm.

Erziehung

Der zweite Bereich in dem ich über den Begriff gestolpert bin war das Thema Kinder und Erziehung.

Ich fand etliche Artikel mit folgenden Themen

  • Wie bringe ich meinem Kind bei auf schwächere Rücksicht zu nehmen?
  • Wie erkläre ich meinem großen Kind, dass es auf die kleineren Geschwister Rücksicht nehmen muss?
  • So lernen Kinder Rücksicht!

Das machte mich nachdenklich. Echte Rücksichtnahme lernen Kinder nur durch ein gutes Beispiel. Indem es erkennt, dass Erwachsene auf seine Bedürfnisse achten und sie respektieren.
Natürlich gibt es Phasen in der Entwicklung eines Kindes, die mehr Aufmerksamkeit erfordern und in denen Kinder sich rücksichtslos verhalten. Das passiert im Alter von 2,5 – 5 Jahren. Es ist die Zeit des Trotzalters. In dieser Zeit beginnen Kinder die eigene Persönlichkeit und die eigenen Bedürfnisse bewusst wahrzunehmen. Sie nehmen ihre Gefühle wahr und haben noch nicht die sprachliche Kapazität, alles was sie beschäftigt ausdrücken zu können. Sie wählen also die Wege die sie haben. Meistens bedeutet das, dass sie ihre Gefühle ausleben und ausagieren. Das kann schon mal dazu führen, dass sie um sich schlagen.
Genau in diese Phase werden oft neue Geschwister hineingeboren. Damit wird das Gefühlschaos noch stärker. Und dann erwarten die Erwachsenen Rücksichtnahme – also ein sehr erwachsenes Verhalten. Hier hilft also kein schimpfen und erklären, sondern Verständnis und … Rücksichtnahme auf und Verständnis für die trotzenden Kleinen.

Das fällt Eltern oft schwer. Denn Trotzverhalten bringt uns an die eigenen Grenzen. Auch hier geht es um eine Situation, die für die erwachsenen Beteiligten nicht besonders angenehm ist. Mütter sind in dieser Lage selbst kaum imstande Rücksicht zu nehmen. Von den kleinen Trotzbinkerln (österreichisch liebevoll für trotzende Kinder) hätten wir das aber gern. Paradox, nicht wahr? Wo ist da unser Beispiel?

Genau hier wird die Basis für ein späteres Missbefinden geschaffen, wenn der Begriff Rücksichtnahme fällt. Das Kind spürt genau: Hier wird von mir etwas verlangt, was auch für die Erwachsenen schwer ist. Und das erweckt Widerstand.

Ich kann mich erinnern, dass in meiner Hilflosigkeit oft solche Aggressionen aufstiegen, dass ich das Zimmer verlassen habe. Ich war durch meine Gefühle so überwältigt, dass ich handlungsunfähig war.

Ich war in dieser Situation also gefordert, erst einmal auf mich und meine Gefühle Rücksicht zu nehmen. Als ich mich beruhigt hatte, war ich in der Lage schlichtend einzugreifen und meine beiden Kinder mit ihren Bedürfnissen wahrzunehmen.

Das tolle dran war, dass die Kinder bald raus hatten: Wenn die Mama kurz den Raum verlässt, dann haben wir den Bogen überspannt!
Das hat sofort dazu geführt, dass sie sich beruhigten und so konnten wir nachher auch miteinander reden. Gleichzeitig habe ich ihnen damit gezeigt, dass ich auch auf mich schaue.

Wahre Rücksichtnahme beginnt also bei der Rücksicht auf sich selbst

Die Basis: Rücksichtnahme auf sich selbst

Spannenderweise handelt der Beitrag von missmenke von der Rücksichtnahme sich selbst gegenüber.

Das finde ich gut so. Rücksichtnahme sich selbst gegenüber bildet die Basis, um auch anderen gegenüber rücksichtsvoll zu sein.
Ich habe das das erste Mal von Jahren in einem Workshop über gewaltfreie Kommunikation (ich mag diesen Begriff nicht besonders: wertschätzende Kommunikation ist mir lieber) begriffen. Marshall Rosenberg weist in seiner Arbeit darauf hin, dass wir anderen gegenüber erst dann wirklich mitfühlend sein können, wenn wir uns selbst gegenüber auch mitfühlend sind.

Das Maß der Dinge

Oder biblisch gesprochen:

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Was hier oft übersehen wird: Das wie beinhaltet das Maß. Wie dich selbst. Nicht mehr und nicht weniger.

Wenn du also gut auf dich selbst und deine Bedürfnisse Rücksicht nimmst, dann hast du die Kraft und Kapazität auch an andere zu denken. Das klingt vielleicht etwas egoistisch – ist es auch. Es ist das, was ich einen gesunden Egoismus bezeichne. Ich bin  der Mensch, der am besten weiß, was ich brauche.

Rücksicht auf Vorbedingungen

Denk einmal an ein Auto. Du hast ein verlässliches Modell ausgesucht, das deinen Bedürfnissen entspricht. Du fährst regelmäßig zu den erforderlichen Serviceterminen, sorgst dafür dass der Tank voll ist, füllst Scheibenwischflüssigkeit nach und kontrollierst von Zeit zu Zeit den Stand des Kühlwassers und des Ölstandes.

Nie würdest du von deinem Auto erwarten, dass es mit leerem Tank fährt!

Du weißt, dein Auto leistet erst dann zuverlässig seinen Dienst, wenn alle Vorbedingungen – also die Bedürfnisse des Autos :-) – erfüllt sind. Du nimmst auf die Vorbedingungen Rücksicht. (Spannend nicht wahr, dass wir dieses Wort in diesem Zusammenhang automatisch benutzen.)

Du selbst bis die Vorbedingung, um gut auf andere Rücksicht nehmen zu können.

  • Wie sieht das bei dir selbst aus?
  • immst du deine Termine mit dir selbst genau so aufmerksam wahr, wir die Servicetermine deines Autos?
  • Sorgst du dafür, dass deine Tanks gut gefüllt sind?
  • Nimmst du auf dich Rücksicht?

Nein? Kann es sein, dass du deshalb mit dem Begriff so ein ungutes Gefühl verbindest, weil es für dich wirklich hauptsächlich mit Selbstbeschränkung zu tun hat?

Worauf nimmst du Rücksicht?

  • Auf die Kinder
  • Auf den Partner
  • Auf die Großfamilie
  • Möglicherweise auch auf das, was andere von dir denken?

… und dann gibt es noch die Rücksichtnahmen, die wir automatisch nehmen

In vielen Fällen nehmen wir Rücksicht und es erscheint uns gut und richtig. Warum tun wir das? Weil diese Rücksichtnahme zu Win-Win-Situationen führt. Darum bezeichnen wir sie oft nicht als Rücksichtnahme.

Der Trainer, der ein Seminar gestaltet, nimmt automatisch Rücksicht auf die Bedürfnisse seiner Teilnehmer. Schließlich will er sein Seminar auf die Zielgruppe ausrichten. Er will es ja auch verkaufen.

Die Menschen, die Supermärkte einrichten, nehmen Rücksicht auf die Käufer und auf die Blickrichtungen der Menschen und platzieren die hochpreisigen Produkte auf Augenhöhe. Sie wissen, dort verkaufen sie sich besser.

Eine Masseurin nimmt Rücksicht auf ihre Kunden. Manche bevorzugen eher leichte Berührungen, andere wollen von der Massage „etwas spüren“. Wenn es zu der Diagnose passt, wird sie den Kundenwünschen entsprechen.

Jeder Kompromiss im Privat- und Geschäftsleben erfordert Rücksichtnahmen auf die Bedürfnisse und Meinungen der anderen.

Rücksichtnahme schafft Win-Win-Situationen

Echte Rücksichtnahme schafft immer Win-Win-Situationen.

Wenn ich in der U-Bahn meinen Platz einer älteren Person überlasse, dann ernte ich meistens ein dankbares Lächeln.

Ich habe Kunden, die ich nur zu bestimmten Zeiten anrufe. Ich kenne deren Tagesablauf und passe mich an. Das erspart mir, endlos in Warteschleifen zu hängen und die Kunden nehmen sich dann gerne für das Gespräch Zeit.

Es ist meine Entscheidung

Für mich ist Rücksichtnahme eine bewusste Entscheidung. Ich treffe diese Entscheidung, weil ich es möchte. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Vielleicht möchte ich dem Gegenüber eine Freude machen, möglicherweise möchte ich der Person eigene schlechte Erfahrungen ersparen, vielleicht bringt meine Rücksichtnahme einen Vorteil für uns beide.

Magda hat auf einen meiner FB-posts geantwortet und ich finde diese Antwort sehr spontan und schön.

Was bedeutet Rücksichtnahme für dich?

Bis zum 31.8.2015 hast du noch Gelegenheit bei meiner Blogparade mitzumachen. Ich freue mich auf deine Teilname!

Ilse Maria_Signatur

 

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1 Kommentar

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  1. […] Auch ich selbst habe mir zu diesem Thema Gedanken gemacht und meinen Beitrag findest du hier. […]

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