Vorbildwirkung

Vorbildwirkung

Vor einiger Zeit stand ich in Wien an einer sehr belebten Kreuzung. Es ist eine dieser Kreuzungen, wo nicht nur Autospuren zu queren sind, sondern wo auch Busse und Straßenbahnen fahren. Teilweise fahren sie auf eigenen Spuren und alle diese Spuren sind mit Fußgängerampeln geregelt.

Soweit so gut. Es ist jedoch so, dass an einigen Spuren weniger Verkehr ist, als an anderen und daher die Rotphasen von den Fußgängern oft sehr lange empfunden werden. Die Versuchung einfach nach links und rechts zu schauen und dann bei Rot über die Spur zu gehen ist groß.

Als ich an diesem Morgen an dieser Kreuzung stand, waren jede Menge Menschen unterwegs. Es war ca. 08.00 Uhr. Die Zeit, wo alle in die Arbeit fahren, wo Mütter die Kinder in den Kindergarten bringen und wo Schulkinder zur Schule gehen. Die Leute kamen in Trauben aus dem gerade stehengebliebenen Bus und strömten dieser Kreuzung entgegen.

Aus der Seitenfahrbahn kam kein Verkehr. Die Ampel zeigte rot. Schon schauten die ersten Erwachsenen links und rechts und eilten über die Fahrbahn. Da ich es eilig hatte, spürte ich schon den Impuls in mir, es ihnen gleich zu tun. Plötzlich hielt mich etwas zurück. Im ersten Moment konnte ich gar nicht sagen, was es war. Ich sah mich um und vor mir stand eine Großmutter mit zwei kleinen Kindern. Beide mit Kindergartentaschen. Verständnislos blickten sie den Erwachsenen hinterher.

„Oma, warum gehen die Leute bei Rot über die Straße?“ Die Großmutter befand sich in Erklärungsnotstand: „Weil sie es eilig haben.“ Die Kleine gaben sich nicht zufrieden: „Mama hat aber gesagt, dass wir bei Rot stehen bleiben müssen und der Polizist hat es uns im Kindergarten auch erklärt.“ Die Großmutter wand sich sichtbar: „Ja, aber die Leute haben eh geschaut.“

„Warum schauen wir dann nicht und gehen auch einfach?“
„Weil man bei Rot stehen bleibt. Ihr wollt doch sicher über die Straße kommen.“
Wieder ging ein Mann über die Straße.
„Wollte der Mann nicht sicher über die Straße kommen?“

Die Großmutter hatte Glück. Eine weitere Diskussion blieb ihr erspart, da die Ampel auf Grün umschaltete und sie mit den Kindern den Weg fortsetzen konnte.

Mit guten Vorbild vorangehen

Diese Situation hat mir wieder einmal ganz deutlich vor Augen geführt, wie wichtig eine gute Vorbildfunktion ist.
Kinder machen alles nach. Sie wollen genau so sein, wie der von ihnen so bewunderte Erwachsene. Genau hier liegt Chance und Gefahr gleichzeitig.

Die Chance

Dieses Nacheifern hilft Kindern schnell und effektiv zu lernen. Sie machen das instinktiv.

Im NLP sprechen wir von Modelling. Modelling erlaubt es uns eine Fähigkeit in ungefähr der halben Zeit zu erlernen, die es ursprünglich gebraucht hat, um sich diese Fähigkeit anzueignen. Erwachsene können diese Technik bewusst einsetzen. Beim Modeling beobachtet man, das Modell ganz genau und analysiert alles, was das Modell in einer bestimmten Situation macht.
Wenn es zum Beispiel darum geht Sprachen zu erlernen, dann nehme ich mir eine Person, die leicht Sprachen lernt als Modell. Ich beobachte sie, wie sie lernt, stelle ihr Fragen und imitiere sie anfangs in allem, was ich entdeckt habe. Dazu zählen auch Atmung, Körperhaltung, Mimik, Gestik, Arbeitsweise, usw.

Ich hinterfrage das Wertesystem dieser Person, versuche herauszufinden, was sie zum Sprachen lernen bewegt und wie sie an verschiedene Problemstellungen herangeht.

All dies machen Kinder ganz automatisch. Sie imitieren Eltern und nahestehende Personen in Sprache, Körperhaltung, Ausdrucksweise, usw.

Das hilft ihnen leicht und schnell zu lernen.

Um mit Karl Valentin zu sprechen:

Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen, sie machen uns doch alles nach.
(Karl Valentin)

Die Gefahr

Kinder hinterfragen das Verhalten von Erwachsenen nicht immer bewusst. Wenn sie noch keine Erfahrungen in diesem Bereich haben, dann gehen sie davon aus, dass der Erwachsene es richtig macht.

Die Verantwortung

Genau das legt uns Erwachsenen eine große Verantwortung auf. Dieser Verantwortung sind wir uns nicht immer bewusst. Manchmal ist sie den Erwachsenen auch gleichgültig, weil die eigenen Interessen Vorrang haben.

Das ist kurz gedacht. Wenn ich das Eingangsbeispiel hernehme, dann frage ich mich, wer von all den Erwachsenen, die über die Straße gehetzt sind, war sich seiner Verantwortung bewusst.

Wie viele von ihnen haben sich gedacht:

  • Es wird schon niemand sehen.
  • Es sind ja nicht meine Kinder.

Ist es das wert?

Könnten diese Erwachsenen mit der Schuld leben, wenn ein Schulkind ihrem (schlechten) Beispiel folgt und verunfallt, weil es die Situation noch nicht so gut einschätzen kann?

Sind 2 gewonnene Minuten tatsächlich wert, einem Kind schlechtes Verhalten beizubringen?

Natürlich wird ein Kind nicht sofort dem schlechten Beispiel folgen. Es wird beobachten. Und wenn es sieht, wie mehrere Erwachsene die Straße gequert haben, ohne, dass etwas passiert, wird es das möglicherweise auch tun.

Wo ist gutes Beispiel wichtig?

Jetzt taucht die Frage auf, in welchen Bereichen gutes Beispiel besonders wichtig ist.

Ich habe einmal in meinem Gedächtnis gewühlt und nachgedacht, wo ich selbst von meinen Eltern und Verwandten beeinflusst wurde. Danach habe ich nachgedacht, wo sich mein Mann und ich bei unseren Kindern unseres Beispiels bewusst waren, beziehungsweise, wo unser Beispiel auf besonders fruchtbaren Boden fiel.

  • Leseverhalten
    Mein Mann und ich lesen leidenschaftlich gerne und haben auch immer vorgelesen. Bei unserem Sohn hat diese Sucht sofort übergegriffen, bei unserer Tochter verging einige Zeit, bis sie die für sich passende Literatur entdeckte.
  • Ernährungsweise
    Ich habe seit jeher selbst gekocht, eingekocht und gebacken. So habe ich es selbst als Kind erfahren und so wollte ich es weitergeben. Mit dem Erfolg, dass unsere Kinder Fast-food verweigern. Nicht aus Erziehungszwang, sondern weil es ihnen nicht schmeckt.
  • Fernsehkonsum
    Als Kind durfte ich pro Tag eine Sendung im Programm anstreichen, die ich sehen wollte. So musste ich mich mit dem Programm auseinandersetzen und habe nicht nur gelernt mich zu beschränken, sondern auch, Prioritäten zu setzen.
  • Höflichkeit und gutes Benehmen
    Es gibt die lustige Geschichte, wo mein Sohn sich mit ca. 4 Jahren auf einem Fest bei allen ankommenden vorstellte: „Guten Tag, mein Name ist XY.“
    Er hatte das sowohl von uns, als auch von den Großeltern so gesehen. Die ersten Gäste haben das extrem bewundert, was ihm gefiel und ihn anspornte.
  • Sozialverhalten
    Sowohl meine Eltern als auch ich waren immer engagiert in Elternvereinen, bei der Organisation von Schulfesten, etc.
    Unsere Tochter tritt da in die Familienfußstapfen. Das hat sich beim letzten Schulfest so geäußert, dass sie danach so geschafft war, dass sie am Tag danach fast nur geschlafen hat :-)
  • Konfliktverhalten
    Mein Mann und ich haben uns stets bemüht, Meinungsverschiedenheiten klar zur Sprache zu bringen und zu versuchen eine für alle Beteiligten gute Lösung zu finden.
    Bis jetzt eifern uns die Kinder nach.
  • Werte
    Nachdem Werte teilweise unbewusst sind, geben wir sie ganz automatisch an unsere Kinder weiter. Nicht alles, was wir weitergeben, finden wir immer gut.
    Ich kämpfe zum Beispiel sehr damit, dass ich meinen eigenen Perfektionismus an meine Kinder weitergegeben habe.
    Heute habe ich mit einer Freundin telefoniert, die klagte, ihre eigene Sturheit und Prinzipientreue an den Sohn weitergegeben zu haben.
    Da hilft nur: Mit den Kindern drüber reden und humorvoll bekennen, dass nicht alles, was wir weitergeben auch angenehm ist.

Vorbild sein, heißt nicht perfekt sein

Um ein gutes Vorbild zu sein, brauchst du nicht perfekt zu sein. Wichtig ist die Bereitschaft das eigene Verhalten immer wieder zu hinterfragen und auch einzugestehen, wenn einmal etwas nicht so gut läuft. Menschen machen Fehler. Entscheidend ist, wie sie damit umgehen. Zu den eigenen Schwächen zu stehen und sich zu bemühen sie in Zukunft zu vermeiden, hat ebenfalls Vorbildwirkung. Das zeigt den Kindern auch, dass es immer möglich ist dazuzulernen.

Fallen dir noch Bereiche ein, in denen ein gutes Vorbild besonders wichtig ist?
Ich freue mich über deinen Kommentar.

Ilse Maria_Signatur

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2 Kommentare
  1. Birgit Geistbeck sagte:

    Ich hab leider meinen eigenen Perfektionismus auch weitergegeben. Dafür hat sich unsere Tochter das Pausen einhalten eher vom Papa abgeschaut (kluges Mädchen), der macht nämlich ausreichend Pausen, während ich eher die bin, die durchackert.

    Und zu den Leuten an der Ampel (die ich natürlich auch kenne), die denken – glaube ich – gar nichts. Die rennen einfach los.

    Antworten
    • Ilse Maria Lechner sagte:

      Durchackern ohne Pausen, das kenne ich zu gut. Auch unsere Kinder kommen da mehr nach dem Papa.
      Jedoch hab auch ich mit meinem Mann schon still sitzen gelernt und ich kann mittlerweile auch ganz gut „nichts“ tun und die Stille genießen.

      Antworten

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