Der Zusammenhang von Raumorientierung und Lernschwierigkeiten

Wusstest du, dass die Raumorientierung und Lernschwierigkeiten deines Kindes zusammenhängen können?

Die Orientierung im Raum oder das Raumlage-Verständnis brauchen wir Menschen in ganz vielen Bereichen. Meistens passiert die Orientierung im Raum ganz automatisch und so ist uns gar nicht bewusst, wo sie überall mitbeteiligt ist.

Wetterhahn in Fischform; Raumorientierung und Lernschwierigkeiten

Die Orientierung im Raum oder das Raumlage-Verständnis

Das Raumlage-Verständnis ermöglicht, Personen oder Dinge und auch den eigenen Körper in Bezug zu setzen.
Ein Kind mit einem guten Raumlage-Verständnis weiß also genau, was sich links von ihm befindet und was rechts von ihm ist. Es kann auch beschreiben, dass das Buch auf dem Tisch liegt und dass der Ball unter das Bett gerollt ist.

Entwicklung des Raumlage-Verständnisses

Dieses Raumlageverständnis entwickeln Kinder, sobald sie anfangen zu greifen und sobald sie Gegenstände in den Mund nehmen. Die reflektorischen Zonen für Mund und Hände liegen im Gehirn ganz eng beieinander. Daher wirkt sich jedes Saugen und jedes Erforschen mit dem Mund auf die Fähigkeit der Hand aus und auch umgekehrt.

Baby knabbert an Stofftier

Babys erforschen ihre Umwelt normalerweise zuerst mit dem Mund. Alles wird abgeschleckt, in den Mund gesteckt und gekostet. Der Weg funktioniert aber auch umgekehrt. Daher arbeiten Logopäden und andere Therapeuten an der Hand, wenn sie erkennen, dass es Sprach- und Schluckprobleme gibt.

In den ersten Wochen greifen Babys noch nicht bewusst zu. Sie haben aber einen Klammerreflex. Sobald ihnen ein Finger oder Gegenstand hingehalten wird, greifen sie zu.

Erst ab dem Alter von ca. 3 Monaten greifen Babys bewusst Gegenstände an. Dazu muss aber auch die Sehfähigkeit schon dementsprechend entwickelt sind. Die Bewegung der Hand, muss an das was das Baby sieht angepasst werden. Hand und Auge sollen also koordiniert werden. Das ist nicht so einfach und will geübt sein. Wenn du ein Baby beobachtest wirst du merken, dass es anfänglich die Gegenstände, die es angreifen will, nicht erwischt.

Es greift daneben. Erst wenn es zielgenau greifen kann, hat es etwas über den Raum gelernt. Dazu muss es noch nicht wissen, dass es recht/links-oben/unten-vorne/hinten gibt. Es macht einfach die Erfahrung, dass es Dinge gibt, die weiter entfernt sind und welche die näher an ihm dran sind.

Wenn ein Baby einen kleinen Ball angreift, dann erkennt es, dass dieser Gegenstand eine Dimension – also eine räumliche Ausdehnung – hat. Deshalb ist es auch so wichtig, dass Babys und Kleinkinder oft und sehr aktiv mit Gegenständen spielen und experimentieren können. Diese Erfahrungen helfen ihnen die Raumlage-Orientierung gut zu entwickeln.

Versteckte Gefahr an zu viel Bildschirmzeit

Genau hier liegt die versteckte Gefahr von zu viel Bildschirmzeit. Kinder jeden Alters lieben bewegte Bilder. Schon Babys lassen sich mit Zeichentrickfilmen und YouTube-Videos ablenken und ruhig stellen.
Aber ein zu viel an Bildschirmzeit und ein zu wenig an aktiver Arbeit mit Gegenständen wirkt sich auf die Gehirnentwicklung aus. Auf Bildschirmen (egal ob Handy, PC oder Tablet) fehlt die dritte Dimension. Das Kind macht keine Erfahrung mit der Raumtiefe. Diese Erfahrung braucht es aber, um die Raumorientierung gut entwickeln und trainieren zu können.

In meinen Vorträgen Was Hausarbeit mit Schulreife zu tun hat und Lernen lernen betone ich immer wieder:

Die körperliche Entwicklung geht der geistigen Entwicklung immer voraus. Sie bildet die Basis für spätere Fähigkeiten.

Ilse Lechner

Wie sind die Auswirkungen der verschiedenen Blockaden in der Raumorientierung?

Rechts-links-Schwäche oder Rechts-links-Blockade

Wenn Kinder sich schwer tun, rechts und links richtig einzuordnen, dann können folgende Probleme auftreten:

  • Lese- und Rechenprobleme
  • Schlecht leserliche Schrift
  • Häufung von Abschreibfehlern
  • Und natürlich die Verwechslung von rechts und links – vor allem unter Stress

Vorne-hinten-Blockade oder vorne-hinten-Schwäche

In der Praktischen Pädagogik® und in der pädagogischen Kinesiologie, dem Brain Gym® steht „vorne“ für die Konzentration und „hinten“ für die Entspannung. Idealerweise haben Kinder auf beide Fähigkeiten gleichermaßen Zugriff. Sie können wich bim Abschreiben und Lernen gut konzentrieren und in anderen Phasen gut entspannen. Beim Zuhören und Zuschauen brauchen sie beide Fähigkeiten gleichermaßen, weil sie sich das Gehörte oder Gelesene ja auch merken sollen.

Hinweise auf eine „vorne“-Blockade können sein:

  • Vor sich hin träumen
  • Leichte Ablenkbarkeit
  • Das Kind schaltet in Stressituationen ab
  • Das Kind macht beim Abschreiben Fehler
  • Überforderung äußert sich in Bewegungsdrang und Hyperaktivität oder auch in Trägheit
  • Typische Kennzeichen einer „hinten“-Blockade:
  • Vor lauter Wald die Bäume nicht sehen
  • Reagieren ohne nachzudenken
  • Aggressives Verhalten

Oben-unten-Blockade oder oben-unten-Schwäche

Oben-unten-Blockaden werden meistens nicht durch Lernschwächen, sondern durch typische Verhaltensweisen sichtbar. Dieses Verhalten macht den Kindern oft das Leben schwer. Es herrscht ein Ungleichgewicht zwischen oben-dem Verstand und unten-dem Gefühl. Beide – Verstand und Gefühl – arbeiten nicht Hand in Hand und es scheint Kommunikationsstörungen zwischen diesen Bereichen zu geben.

Hinweise für eine „oben“-Blockade

  • Zu langsam sein
  • Zu spät kommen oder ständig der/die Letzte sein
  • Diese Kinder trauen sich wenig zu
  • Sie haben Schwierigkeiten sich in Gruppen einzubinden und nehmen oft die Außenseiterrolle ein
  • Typische Kennzeichen einer „unten“-Blockade
  • Diese Kinder wollen alles begründen und wirken oft seltsam erwachsen und sogar altklug.
  • Die Gefühle werden ignoriert und nur der Verstand zählt.
  • Alles wird überanalysiert.

Auswirkungen der einzelnen Blockaden der Raumorientierung auf das Lernen

Schreiben und Lesen

In unserem Kulturkreis schreiben und lesen wir von links nach rechts und von oben nach unten. Somit wird klar, dass sich sowohl rechts-links-Schwächen also auch oben-unten Schwächen auf das Schreiben und Lesen auswirken.

Kinder mit diesen Schwächen haben z. B. Probleme damit die Buchstaben d, b, p und q zu unterscheiden.

Auch wenn Kinder zwar gut lesen können, aber das Gelesene nicht verstehen oder nicht behalten können, kann eine rechts-links-Blockade die Ursache oder zumindest mitbeteiligt sein.

Bei manchen Kindern kommt noch eine mangelnde oder fehlende Hand-Auge-Koordination dazu. Das wirkt sich dann auf das Schriftbild aus. Buchstaben „tanzen“ auf der Zeile und die Schrift wirkt krakelig.

Rechnen

Auch Kinder die sich beim Rechnen schwer tun oder bei der Einordnung im Zahlenraum schwer tun, haben oft eine rechts-links-Schwäche. Wenn eine Zahl größer wird, dann bewegt man sich auf dem Zahlenstrahl oder im Hunderterfeld nach rechts, wenn sie kleiner wird nach links.

Aber auch die Unterscheidung von „vorne“ und „hinten“ ist für das Rechnen wichtig.

Du erinnerst dich: Die körperliche Entwicklung geht der geistigen Entwicklung immer voraus.

Kinder die nicht rückwärtsgehen können, tun sich schwer beim Minusrechnen. Ihnen fehlt die Erfahrung etwas „wegzunehmen“. Klick um zu Tweeten

Bei der Orientierung auf dem Hunderterbrett ist auch oben und unten von Bedeutung. Denn die kleineren Zahlen stehen oben, die größeren unten.
Es gilt also: Je weiter nach rechts und je weiter hinunter, desto größer die Zahlen.

Wenn man das so aufdröstelt, wirkt es ganz schön kompliziert, nicht wahr?

Wie kannst du deinem Kind helfen, eine gute Raumorientierung zu entwickeln?

Folgende beiden Übungen zur Raumorientierung möchte ich dir vorstellen.

Ententeich

Eine davon ist das Spiel mit dem Ententeich. Du hast ein Bild von einem Teich und eine kleine Plastikente. Diese Ente wird nun an verschiedene Orte gestellt: unter die Brücke, am Ufer, auf dem Seerosenblatt u.s.w.
Mit dieser Übung zur Raumorientierung lernt dein Kind zu erkennen, wo sich etwas befindet. Es lernt die Lokalisation eines Gegenstandes im Raum richtig einzuordnen und auch zu benennen.

Seitigkeitsverankerung

Mit dieser Übung wird das Erkennen von rechts und links gefestigt. Dein Kind lernt also recht und links zu unterscheiden, körperlich einzuordnen und das auch zu automatisieren. Gerade dieses atomatisieren ist später sehr wichtig.

Stelle dich neben dein Kind und lege ihm die Hand auf die linke Schulter.

Fordere dein Kind auf dabei laut „links“ zu sagen.

Das wiederholst du mehrere Male.

Danach legt dein Kind selbst die rechte Hand auf die linke Schulter und sagt wieder laut „links“.
Auch das wird mehrmals wiederholt.

An einem anderen Tag oder nach einer längeren Pause macht ihr dasselbe mit rechts.

Dann macht ihr wirklich ein paar Tage Pause. Zur Festigung könnt ihr dann diese Übung machen und abwechselnd auf die Schultern tippen. Wobei auch eine Seite zwei- oder mehrmals hintereinander drankommen darf.

Noch mehr von diesen Übungen stelle ich in meinem Vortrag Lernen-lernen vor.

In den nächsten Wochen wird es auch in meiner Gruppe „Kinder respektvoll fördern“ immer wieder Input zu diesem Thema geben.

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