Scham-Mütter-unterdrückte Gefühle

 

Wenn Mütter sich schämen – Ein Tabuthema

Angela

Angela liegt im Krankenhaus. Gestern erst hat sie ihr Kind geboren. Ein wirklich süßes Mädchen – so behaupten zumindest alle. Angela liegt da und betrachtet ihr Kind … und sie fühlt sich merkwürdig einsam dabei. Das kleine Wesen ist ihr fremd. Von plötzlich einsetzender Mutterliebe keine Spur. Das traut sie sich natürlich nicht zu sagen. Sie lächelt, mimt die glückliche Mutter, nimmt die Glückwünsche entgegen und schämt sich. Weil sie nicht fühlt, was sie fühlen sollte.

Petra

Petra sitzt im Zuschauerraum. Ihre Tochter nimmt am Abschlusskonzert der Musikschulklasse teil. Petra weiß, dass ihre Tochter geübt hat und sich auf diesen Auftritt freut. Leider leitet die kleine Leonie unter Lampenfieber und daher hat sie in ihrem Auftritt grobe Patzer. Petra, die selbst sehr musikalisch ist, schämt sich für die Leistung ihrer Tochter. Das gibt sie ihr nach dem Auftritt auch zu verstehen. Als sie sieht wie geknickt Leonie ist, tut es ihr leid und sie schämt sich über sich selbst. Warum nur konnte sie nicht gelassen reagieren? Wie hätte sie ihre Tochter schon im Vorfeld besser unterstützen können?

Eva

Eva sitzt am Küchentisch. Ihr ist zum Heulen zumute. Felix ihr jüngster hat schon wieder eine total verpatzte Ansage nach Hause gebracht. „Du solltest besser üben!“, hat die Lehrerin darunter geschrieben. Eva fühlt nicht nur ihren Sohn, sondern auch sich selbst beurteilt. Wenn die Lehrerin wüsste. Felix übt wirklich fleißig. Er ist eifrig und hat Spaß an der Schule. Trotzdem klappt es mit seinen Leistungen nicht. Eva hat noch 2 andere Kinder. Die beiden tun sich schon immer leicht beim Lernen. Eva sitzt am Küchentisch und fragt sich, was sie bei Felix anders macht. Warum greifen die bewehrten Erziehungsmethoden nicht? Wie kann sie ihn so unterstützen, dass er genauso gut lernt, wie seine älteren Geschwister? Sie schämt sich, dass sie es nicht schafft, Felix so gut zu unterstützen, wie seine älteren Geschwister.

Cornelia

Cornelia ist wütend auf sich. Sie wollte doch geduldig bleiben. Jetzt ist sie wieder wegen einer Kleinigkeit explodiert. Ihre Kinder waren einfach zu laut und zu wild. Sie hatte sie ja gebeten aufzuhören und leise zu sein. Dabei liebt sie ihre Kinder. Es ist aber auch zum Verzweifeln. Die beiden hören einfach nicht zu. Nie hören sie bei der ersten Aufforderung. Immer muss Cornelia erst explodieren. Wenn sie laut wird, dann legen ihre beiden Jungs die Ohren an. Plötzlich dringt sie zu ihnen durch. Dabei möchte sie so gerne eine ruhige, lustige und verständnisvolle Mutter sein. Sie schämt sich, dass ihr das nicht gelingt.

4 Geschichten – eine Gemeinsamkeit

Die vier Geschichten sind total verschieden. Sie haben aber eine Gemeinsamkeit: Scham.

Wobei hier zwei Arten von Scham beschrieben sind: Die Scham der Mutter und das Fremdschämen für das Kind. Nicht immer sind diese beiden Arten sauber voneinander zu trennen. Eine Scham bedingt oft die andere.

Über die Gefühle von Müttern wird grundsätzlich wenig gesprochen. Als ich aber zu diesem Thema recherchiert habe, stellte ich fest, dass Scham eine absolute Ausnahme unter den Ausnahmen darstellt. Dieses Tabu ist fast noch größer als der Tod. Spannenderweise gibt es jede Menge Unterlagen, warum sich Kinder für ihre Eltern schämen und warum sich Kinder schämen und wie ihnen die Eltern helfen können.

Das verklärte Mutterbild

Im deutschen Sprachraum herrschte lange Zeit ein verklärtes Mutterbild vor. Mutter-Sein als Erfüllung aller Träume und als das höchste Glück auf Erden. Da haben schlechte Gefühle natürlich keinen Platz. Die werden unterdrückt und verdrängt. Mütter müssen glücklich sein und strahlen.

Erst die Regretting Motherhood Bewegung hat eine Trendwende eingeleitet.

Ich finde diesen Trend übrigens schrecklich. Nicht weil ich die Gefühle der betroffenen Frauen nicht verstehen kann. Ich kann sie sogar sehr gut nachvollziehen. Ich finde nur, dass hier ein Thema zu öffentlich abgehandelt wird. In Blogartikeln und Round-up Posts ließen sich eine ganze Menge Frauen darüber aus, dass sie es bereuen, Mutter geworden zu sein.

Hat sich eine dieser Frauen überlegt, dass das Internet nichts vergisst. Ihr Kind wird irgendwann über einen dieser Artikel stolpern. Wie fühlt sich dieses Kind dann?

Mütter haben Verantwortung

Wann und wo machst du dir Luft?

Mütter haben Verantwortung. Nicht nur sich selbst, sondern auch ihrem Kind gegenüber. Sie sollten sich also sehr genau überlegen, wann und wo sie ihren Gefühlen Luft machen.

Die Ursachen von Scham

Du hast das Gefühl gegen einen anerkannten Wert zu verstoßen

So ist das zum Beispiel, wenn du als frisch gebackene Mutter nicht von Mutterliebe überschwemmt wirst. Schließlich sollte eine Mutter doch ihr Kind lieben, nicht wahr?

Du fühlst dich beurteilt

Du fühlst deine Leistung (oder manchmal auch die Leistung deines Kindes) beurteilt. Auch wenn du selbst deine Leistung ganz ok findest, irritieren dich die Blicke oder Bemerkungen von anderen. Deine Selbstsicherheit ist angeknackst. Vielleicht haben die anderen ja doch Recht und deine Leistung war unzureichend?

Du genügst deinen eigenen Ansprüchen nicht

Du trägst ein Bild in dir, wie du dich idealerweise verhalten sollst. Leider gelingt dir das nicht immer. Wie sollte es auch, deine Ansprüche an dich sind sehr hoch. Nie würdest du von den anderen das verlangen, was du von dir selbst forderst.

Du erliegst deinen Glaubenssätzen

„Ich bin nicht gut genug.“ Wenn du einen Satz aussuchen müsstest, der dich beschreibt, dann wäre es dieser!
Mit diesem Glaubenssatz kannst du dich anstrengen, wo viel du willst. Du kannst äußerlich sehr erfolgreich sein.

Andere würden dir große Kompetenz bescheinigen. Allein, solange du diesen Glaubenssatz nicht auflösen kannst, wird dich der kleinste Gegenwind ins Wanken bringen.

Abgrenzung zu anderen Gefühlen

Der Übergang von Gefühlen der Unzulänglichkeit oder vom schlechten Gewissen zur Scham ist fließend. Manchmal ist eines der Gefühle vorherrschend. Manchmal sind diese Gefühle eng miteinander verbunden.

Einer meiner Lehrer sagte einmal zu mir: „Es ist nur ein Gefühl. Das heißt nicht, dass das Realität ist.“

Solange du dieses Gefühl hast, empfindest du es aber als Realität. Kein Argument der Welt kann dein Gefühl entkräften. Denn Gefühle entziehen sich der Rationalität. Du kannst wissen, dass du genug leistest, du kannst messbare Erfolge haben, du kannst wissen, dass dich objektiv keine Schuld trifft und trotzdem kann ein unbestimmtes Gefühl der Scham da sein.

Wie gehen unsere Geschichten weiter

Angela hatte eine unerkannte Wochenbett-Depression. Nachdem diese festgestellt wurde und eine Therapie eingeleitet wurde, stellte sich auch die Zuneigung zu ihrer kleinen Maus ein.

Petra fand heraus, dass sie als Kind immer funktionieren musste. Sie wurde nach ihrer Leistung beurteilt. Genau darum fühlt sie sich auch heute für die Leistung ihres Kindes verantwortlich. Nachdem sie das erkannt hatte, konnte sie die Verantwortung für den Erfolg oder den Misserfolg bei ihrer Tochter lassen. Spannenderweise war das Lampenfieber ihrer Tochter danach nie wieder so schlimm.

Eva landete nach einer lange Odyssee mit ihrem Sohn bei einem Osteopathen. Eine seiner ersten Fragen war, ob Felix gekrabbelt sei. Er erklärte ihr, dass das Krabbeln nicht nur für die Ausbildung der Rückenmuskulatur und des Körpertonus wichtig sei, sondern auch wesentlich zur Verschränkung der Gehirnhälften beitrage. Nach einigen Behandlungen und konsequenter Anwendung von einigen Körperübungen fiel Felix das Lernen viel leichter.

Cornelia suchte Hilfe und erkannte, dass sie knapp an einem Burnout vorbeischrammte. Ihre Kinder arbeiteten im Grunde für sie und reizten sie so lange, bis sie sich Hilfe holte. Danach war sie in der Lage, den Kindern einen festen Rahmen zu setzen und Sicherheit zu geben. Und die Kinder waren viel aufmerksamer.

Viele Ursachen

Du siehst, die eine Ursache gibt es nicht. Genauso wenig, wie es die eine Methode gibt, mit dem Thema Scham umzugehen. Nur du kannst die Verantwortung für dich selbst übernehmen und dir Hilfe und Unterstützung suchen.

Du bist nicht allein!

Bleib gelassen!

Ilse Maria_Signatur

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare
  1. Isabel Falconer sagte:

    Liebe Ilse,

    danke für Deinen Mut, dieses Thema auf’s Tableau zu holen! Scham kennen wir alle, auf die eine oder die andere von Dir angesprochenen Weise. Und dann schämt frau sich, drüber zu sprechen. Scham ist oftmals auch mit Schuld verknüpft. Vor ein paar Jahren hat mir hierbei das Buch von Krishnananda Trobe „Liebe lernen 02“ geholfen. Vielleicht ist es auch für die eine oder andere Leserin von Dir hilfreich.

    Alles Liebe,
    Isabel

    Antworten

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